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Festansprache vom Schatzmeister
Jürgen Knieps am 22.01.2011 Patronatsfest

Liebe
Schützenbrüder!
Ist es wirklich richtig, dass wir Schützen eigenen
Wein haben?
Warum haben wir eigentlich eigene Weinberge?
Ist das Ganze nicht sogar ein Zuschussbetrieb?
Dies sind Fragen, liebe
Schützenbrüder, die mir in dem einen Jahr, in dem ich nun Schatzmeister
unserer Gesellschaft bin, des Öfteren zu Gehör kamen. Mir wird dabei
bewusst, dass die Frage, ob es nun wirklich Sinn macht, dass wir
Bürgerschützen eigene Weinberge und damit eigenen Wein haben, innerhalb
der Gesellschaft, also unter uns Schützenbrüdern selbst, teils lebhaft
diskutiert wird.
Ich gebe offen zu, dass ich,
bevor ich in das Amt des Schatzmeisters gewählt wurde, mir diese Fragen
auch schon einmal gestellt habe.
Das vergangene Jahr gab
mir jedoch die Gelegenheit, mich mit dem
Thema „Wein und Weinberge“ der Bürgerschützen sehr intensiv auseinander
zu setzen. Denn zu den wesentlichen Aufgaben des Schatzmeisters unserer
Gesellschaft gehört insbesondere die administrative Abwicklung der
Weinberge und der Weinverwaltung.
Wenn man sich also mit dieser
Fragestellung näher auseinandersetzt, wenn man die Notwendigkeit und die
Sinnhaftigkeit, eigenen Wein und eigene Weinberge zu besitzen, stärker
hinterfragt, so kommt man aus meiner Sicht im Ergebnis auf eine recht
eindeutige Antwort.
Die Erkenntnis, die mich zu
dieser Antwort geführt hat, ist aber sehr vielseitig. Da gibt es bei der
näheren Betrachtung geschichtliche, kulturelle und auch rein
wirtschaftliche Dimension. Und diese Blickrichtungen möchte ich, bevor
ich die für mich eindeutige Antwort gebe, erst einmal näher erläutern.
Da ist zunächst einmal die
geschichtliche Seite.
Seit der nachweislichen Gründung unserer Gesellschaft im Jahre 1403 gibt
es immer wieder Hinweise, dass unsere Gesellschaft sehr verhaftet ist
mit dem Weinbau.
Bereits 1487 belegt die älteste Stadtrechnung, dass die Schützen
anlässlich des Vogelschießens Wein von der Stadt ausgeschenkt bekamen.
Unser König und Archivar Hans-Georg Klein kommt bei der näheren
Betrachtung hier zum Schluss, dass hierin sogar die Anfänge unseres
Trinkzuges liegen könnten.
Im Jahr 1609 wird es nun
interessant.
Im Ratsprotokoll vom 16. Oktober 1609 ist folgendes zu lesen.
“Peter Schoenen hat den Schützenweinberg in Händen und hat etliche Jahre
die Pacht davon nicht mehr entrichtet. Deshalb bitten die Schützen, ihm
den Weingarten wegzunehmen. Der Rat befiehlt dem Schoenen, mit dem
Schützenmeister die Rechnung zu halten und seine Schulden zu
begleichen“.
Damit haben wir also den
ältesten Beleg für einen eigenen Schützenweinberg. Also seit nunmehr 400
Jahren sind Weinberge im Besitz unserer Gesellschaft.
Immer wieder sind in den Stadtrechnungen und auch den Ratsprotokollen
Bezüge zwischen der Stadt, der Schützengesellschaft und dem Wein zu
finden.
Ganz ursprünglich lagen die
gesellschaftseigenen Weinberge ganz in der Nähe der Stadt. Zunächst am
Stadtgraben zwischen Niedertor und Adenbachtor. Im 18. Jahrhundert gab
die Gesellschaft die Weinberge an die Stadt zurück und erhielt dafür
Parzellen an der Innenseite der Stadtmauer, teilweise am Johanniswall,
teilweise am Sebastianuswall. Hier wurden dann neue Weinberg angelegt.
Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Weinberge an der Stadt verkauft und
neue Parzellen in den verschiedenen Terrassenlagen erworben.
Durch Stiftungen wurde der
Weinbergsbesitz stetig erweitert. Die letzte Stiftung erhielt unsere
Gesellschaft im Jahre 1924. Immer wieder wurden von da an Weinberge
verkauft und an anderer Stelle neue Weinbergsparzellen gekauft.
Seit den 70er Jahren des vorigen
Jahrhunderts findet sich ein Weinberg flurbereinigt im Ahrweiler
Forstberg im Besitz unserer Gesellschaft. Dieser ist 23,13 Ar groß. Im
Jahr 1987 wurde aus dem Verkaufserlös anderer Parzellen ein Weinberg in
der Gemarkung Bachemer Karlskopf erworben. Dieser ist 27,94 Ar groß.
Somit verfügt unsere Gesellschaft heute über eine Gesamtfläche an
Weinbergen von rund einem halben Hektar. Sowohl die Parzellen Ahrweiler
Forstberg als auch Bachemer Karlskopf sind mit Spätburgunder-Trauben
bestockt.
Eine eigene Weinherstellung
erfolgte jedoch erst sehr spät. Bis zum Jahre 1923 wurden die Trauben
entweder verkauft oder gegen Wein eingetauscht. Die Gesellschaft kannte
also bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen eigenen Gesellschaftswein.
Dies begann erst im Jahre 1924. Von diesem Jahr an bis zum Jahre 1933
wurde die Ernte in die damalige Weinbauschule an der Walporzheimer
Straße gebracht. Hier wurde erstmals aus den eigenen Trauben der
Gesellschaft eigener Wein für die Mitglieder der Gesellschaft
hergestellt. Mit den Qualitätsergebnissen der Jahre 1932 und 1933 waren
die damaligen Schützenbrüder jedoch nicht zufrieden. Daraufhin bot der
damalige Präsident des Ahrweiler Winzervereins, das Mitglied des
Königsgliedes Theo Knieps, an, den Schützenwein in der Ahrweiler
Genossenschaftskellerei auszubauen. Dabei wurde jedoch nicht wie heute
aus dem Lesegut der Gesellschaft auch der eigentliche Schützenwein
hergestellt. Nein, das Lesegut kam in die große Masse der Anlieferungen
und die Schützen erhielten hieraus ihren Anteil. Meistens zum
Patronatsfest wurde vom Kellermeister und dem Präsident des
Winzervereins sowie dem Hauptmann im Keller der Genossenschaft aus dem
großen Fassbestand der Anteil der Schützen ausgewählt. Je nach Jahr
konnte das Portugieser oder Spätburgunder sein. Auf dem Etikett der
Schützengesellschaft wurde zu der Zeit die Traubensorte noch nicht
vermerkt. Dort stand lediglich „Schützentrunk“.
Bis zum Jahre 1977 wurden die
Weine im Ahrweiler Winzerverein nach diesem Procedere hergestellt.
Von 1977 bis zum Jahre 1988 wurde die Trauben zum Weinhaus Wilhelm
Schäfer geliefert und hier ausgebaut. Schon seit 1963 kümmerte sich der
ehemalige Offizier des Hauptmannsgliedes, Otto Schäfer, als fachkundiger
Berater um die Betreuung der Weine seitens des Verwaltungsrates.
Nun, nach dem die Trauben in das Weingut Schäfer geliefert wurden, baute
Otto Schäfer die Weine mit hoher Fachkenntnis und sehr viel Engagement
zum Wohle der Gesellschaft aus.
Da ab dem Jahr 1971 nach dem
Weingesetz die Bezeichnung und Kennzeichnung auf dem Etikett nicht mehr
wie bisher erlaubt war, wurde die Schützengesellschaft als
Weinbaubetrieb mit eigener Betriebsnummer angemeldet. Ab diesem
Zeitpunkt hatte die Schützengesellschaft den Status eines eigenen
Weingutes und unterlag damit der Weinkontrolle. Der Wein und auch der
Ausweis auf dem Etikett mussten von nun an den gesetzlichen Bestimmungen
entsprechen. Weine einer Schützengesellschaft – auch für die Mitarbeiter
der Weinkontrolle ein Novum, dass man sehr interessiert beobachtete.
Im Jahre 1989 gab Otto Schäfer den Ausbau der Weine ab.
Bis zum heutigen Tage sind
nunmehr die Gebrüder Frank und Marc Adeneuer für die hervorragende
Qualität unserer Weine verantwortlich. Dazu aber gleich noch ein paar
Worte mehr.
Liebe Schützenbrüder, soweit die
rein geschichtliche Begründung, warum denn unsere Gesellschaft eigene
Weinberge und eigenen Wein hat. Die historische Verantwortung ist
sicherlich ein gewichtiges Argument, diese Tradition fortzusetzen. Aber
die Feststellung „Dat wor at immer suu“ ist für sich allein kein
ausreichender Grund.
Also schauen wir einmal weiter
auf die kulturellen Aspekte. Wir sind in eine Kulturlandschaft geboren
bzw. haben hier unsere Heimat gefunden, die schon seit jeher vom Wein
geprägt war. Die Römer haben uns die roten Trauben und die
Weinherstellung gebracht. Und beides ist uns bis zum heutigen Tage
erhalten geblieben. Aber was das Besondere ist, dass die Menschen, die
hier lebten und leben, vom Wein geprägt sind.
Über Jahrhunderte waren die
Mitglieder unserer Gesellschaft auf das Engste mit den Weinbergen und
dem Wein verbunden. Winzer, Weinbergsbesitzer, Weinhändler und Küfer
waren Mitglied unserer Gesellschaft und haben von und mit den Reben und
dem Wein gelebt. Und noch heute haben wir Mitglieder in unseren Reihen,
denen der Umgang mit dem Wein und den Weinbergen im täglichen Leben sehr
vertraut sind.
Als Winzer im Haupt- oder Nebenerwerb, als Gastronomen, die von den
Menschen leben, die gerade wegen unserer Kulturlandschaft in unsere
Stadt kommen.
Auch wenn die meisten unter uns
heute nicht mehr unmittelbar vom Wein leben, so haben doch viele von uns
eine enge Beziehung dazu: Weil Vater oder Großvater Winzer waren und man
in frühen Jahren die Arbeit im Weinberg oder im Keller erleben durfte.
Erinnerungen bleiben und prägen.
Und wenn wir an Schützenfest von
„Glaube, Sitte, Heimat“ sprechen, dann wird hier Heimat nicht zur
Floskel, sondern konkret. Es sind die Weinberge und der Wein, die uns
als Menschen hier mit prägen, und die uns unser Schützenfest so leben
und erleben lassen, wie wir es heute tun. Nicht mit „Bier und Korn“,
sondern in vertrauter Runde bei einem guten Glas Rotwein. Eine andere
Art von Miteinander kommt hier zum Tragen.
Damit ist unsere Gesellschaft
auf das Engste verbunden, mit dem, was sich über Jahrhunderte hier
entwickelt.
Es ist gelebte Heimat.
Und Hand auf Herz: Nur die Wenigsten unter uns könnten sich sicherlich
vorstellen, dass wir einen Trinkzug mit Bier veranstalten.
Und noch eins kommt hinzu: Wir sind die einzige Schützengesellschaft in
Deutschland, die gesellschaftseigenen Weinbau betreibt. Gefühlt sind wir
sogar die einzige weltweit.
Aber verlassen wir nun die
kulturelle Seite und wenden uns den Sachargumenten zu.
Eine Gesellschaft wie die unsrige hat auch Menschen, die mit hohem
Sachverstand sich dem Thema Wein und Weinberg widmen. Und dies auch
gerne tun.
Seit den sechziger Jahre hat – wie bereits erwähnt - der ehemalige
Offizier des Hauptmannsgliedes, Otto Schäfer, sich mit seiner hohen
fachmännischen Sachkenntnis über 25 Jahre lang um den Wein der
Bürgerschützen gekümmert bzw. ihn sogar später selber ausgebaut.
Zum Ende der 80er Jahre hat er die Aufgabe – auch dies habe ich bereits
erwähnt - übergeben an die Gebrüder Marc und Frank Adeneuer. Bis zum
heutigen Tage wird hier der Wein in hervorragender Qualität hergestellt.
Wir können uns dankbar schätzen,
dass mit den Gebrüder Adeneuer sich eine Fachkompetenz um den Ausbau
unserer Trauben kümmert, die zur Spitzenklasse unter den deutschen
Rotwein-Winzern zählt. Auszeichnungen auf höchstem Rang für das
VdP-Weingut Adeneuer sind hierfür der Beweis. Und wer die beiden Marc
und Frank kennt, weiß, dass es beim Ausbau des Schützenweines für sie
keine „Light-Version“ gibt. Sie geben unserem Schützenwein die gleiche
Handschrift wie ihren eigenen.
Unsere Gesellschaft ist daher
bis zum heutigen Tage Otto
Schäfer sowie Marc und Frank Adeneuer zu großem Dank verpflichtet.
Und es hat immer Menschen
innerhalb des Verwaltungsrates gegeben, die ihren Sachverstand in die
Entscheidungsfindungen rund um das Thema Wein eingebracht haben.
Aktuell haben wir zwei Verwaltungsratsmitglieder, die sich
hauptberuflich mit dem Wein beschäftigen. Daneben gibt es aber auch
Nebenerwerbswinzer, die sich gleichfalls fachlich einbringen. Starke
Stimmen im Verwaltungsrat, die bei Entscheidungen uns als Gesellschaft
die nötige Sicherheit geben.
Nicht unerwähnt bleiben sollen
aber auch diejenigen, die sich sonst in irgend einer Weise um Wein und
Weinberge über das Jahr hinweg kümmern: in der Bearbeitung der Weinberg
Dieter und Thomas Hüttig, bei der Ernte viele viele Helfer und in der
Weinverwaltung Jochen Ulrich und Hans Fuhs. Viele gute engagierte Hände
tragen dabei zum Erfolg bei.
Nun habe ich als Schatzmeister,
der im Bankwesen zu Hause ist, auch immer die ökonomische Brille auf.
Und alle Argumente, die ich soeben für die eigenen Weinberge und den
eigenen Wein vorgebracht habe, haben aber nur dann Gewicht, wenn sie im
Interesse der Mitglieder auch wirtschaftlich vertretbar sind. Jedes
Mitglied unserer Gesellschaft muss sich darauf verlassen können, dass
mit den Mitgliedsbeiträgen gut gehaushaltet wird und nicht lieb
gewordene Traditionen nur durch Beitragssubventionierung am Leben
bleiben.
Unsere Gesellschaft verzehrt im
Jahr auf den verschiedensten Veranstaltungen rund 1.500 bis 1.700
Flaschen Wein. Daneben kommen noch rund 350 Flaschen Wein, die als
Krankenwein für die Schützenbrüder, die aus Krankheitsgründen nicht an
unseren Veranstaltungen teilnehmen können, oder als Geschenke, für
Jubilare, Helfer oder zu Repräsentationszwecken, weitergegeben werden.
Also rund 1.800 bis 2.000 Flaschen brauchen wir letztendlich jedes Jahr
für uns selbst.
Den Wein, den wir nicht selber
verbrauchen, geben wir in den Verkauf an die Mitglieder, jedoch unter
der Berücksichtigung von steuerrechtlichen Begrenzungen.
Dabei wird der Verkaufspreis so kalkuliert, dass der Weinverkauf auch
einen Überschuss erwirtschaftet. Dieser Überschuss reduziert die
verbleibenden Selbstkosten für den Wein, den wir selber verbrauchen. Der
Verkaufspreis muss für die Mitglieder vertretbar sein. Er darf aber
nicht dazu führen, dass zu Lasten der Mitgliedsbeiträge äußerst günstige
Verkaufspreise subventioniert werden.
Selbstverständlich erhalten die einzelnen Züge für den Verzehr bei
eigenen, internen Veranstaltungen den Wein zu einem günstigeren Preis.
Auch dies ist nur gerecht.
So bleibt im Endeffekt für den Wein im Eigenbedarf ein Einstandspreis,
der zwischen 4,00 € und 4,50 € liegt. Diese Bewertung unterliegt
natürlich von Jahr zu Jahr Schwankungen, die durch die Erntemenge, den
Eigenverzehr und die Verkaufsmenge bestimmt werden.
Jedem wird nun sicherlich
einleuchten, dass wir für einen solchen Preis keinen Wein mit solcher
Qualität an der Ahr käuflich erwerben könnten. Selbst wenn wir Abstriche
bei der Qualität hinnehmen würden, wäre dieser Einstandspreis beim
Einkauf an der Ahr nicht zu halten.
Und ein weiteres ökonomisches
Argument:
In Zeiten, die währungspolitisch in Europa aber auch global äußerst
schwierig sind, ist es richtig, dass auch unsere Gesellschaft in
Sachvermögen investiert ist.
Dies ist Wertsicherung im Interesse der jetzigen und zukünftigen
Generationen der Bürgerschützen.
Lieber Schützenbrüder,
damit wird das Bild rund. Historisch gewachsen, auf emotionaler
Tuchfühlung mit unserer Heimat, mit Menschen, die viel von der Sache
verstehen und sich einsetzen, wirtschaftlich mehr als vertretbar. Somit
ergibt sich für mich die Erkenntnis, dass ist es vollkommen richtig,
dass wir Bürgerschützen eigene Weinberge haben und unseren eigenen Wein
trinken.
Liebe Schützenbrüder,
lasst uns daher gemeinsam unseren eigenen Wein aus ganzem Herzen
genießen. Wir können es mit gutem Gewissen tun. 2009er Ahrweiler
Forstberg Spätburgunder trocken, 2009 er Blanc de Noire trocken oder
2008er Ahrweiler Spätburgunder halbtrocken haben wir heute Abend im
Glas. Erheben wir nun gemeinsam das Glas zum Wohle und stoßen an.
Lasst uns diese Weine schmecken,
denn, um unseren Oberleutnant Marc Adeneuer zu zitieren, „der Neue
wächst schon wieder“.
Sehr zum Wohle |